Mai 31 2012

Crowdfunding: The Good, the Bad and the Ugly

Mittlerweile dürfte es bei jedem angekommen sein: Crowdfunding via Kickstarter und Konsorten funktioniert. Und es funktioniert gut. Spätestens seit der Double Fine Adventure-Kampagne hat jeder Indie das Thema auf dem Radar. Und das aus gutem Grund: Das Modell ist erstklassig für die Indie-Entwicklung geeignet.

Crowdfunding

Und das ist nur einer der Gründe, warum es sich lohnt, etwas genauer hinzuschauen.

The Good

Crowdfunding bietet allen Beteiligten eine Reihe einzigartiger Vorteile:

Mehr Konsumentenmacht.

Der Konsument kann schon lange mit seinem Geldbeutel abstimmen: Was nicht gekauft wird, verschwindet aus dem Regal. Das funktioniert zwar zuverlässig, aber nur selten bewusst und immer destruktiv. Mit Crowdfunding gibt jetzt eine bewusste, schöpferische Art, mit dem eigenen Geld abzustimmen:

Endkunden können dabei helfen, neue Projekte zu verwirklichen. Und das geht so einfach, dass auch ich mich schon als Gönner betätigt habe. Für die Neugierigen unter euch: Hier ist mein ein Kickstarter-Profil. Bisher tendiere ich eher zu kleineren Projekten. Solche, bei denen die Verwirklichung noch auf der Kippe steht. Dann bekomme ich nämlich auch das Gefühl, von Anfang an dabei gewesen zu sein.

Mehr Konsumentenglück.

Das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein (Relatedness), ist ein erwiesenes menschliches Bedürfnis. Zumindest, wenn man der Self-Determination-Theorie glauben schenkt. Zusammen mit dem Gefühl, Einfluss auf die Umwelt zu haben, kann das für viele Investoren einen sehr positiven Nebeneffekt darstellen.

Mehr kulturelle Wertschöpfung.

Crowdsourcing wird eindeutig zu einer größeren Vielfalt führen. Bisher vernachlässigte Nischen können von kleineren Teams neu belebt werden. Auf eine gewisse Art und Weise ist Crowdfunding auch eine Art modernes Mäzenatentum: Neben der Investition in Produkten können auch nicht profitorientierte Projekte unterstützt werden. Das resultiert in einer bunteren Mischung und auch mehr frei zugänglichem Material. Wenn das Projekt keine wirtschaftlichen Ziele verfolgt, kann es auch problemlos unter eine offenen Lizenz gestellt werden, zum Beispiel Creative Commons. Dies ermöglicht theoretisch eine uneingeschränkte Nutzung und Weiterverwendung.

Das geht natürlich auch nur, weil beim Crowdfunding die Rechte üblicherweise beim Urheber bleiben. Noch ein Grund, warum Crowdfunding und der Indie-Gedanke sehr gut zusammenpassen.

The Bad

Crowdfunding hat leider nicht nur gute Seiten - und diese zeichnen bereits bereits ab:

Übereifer!

Es gibt aktuell geradezu einen Crowdfunding-Goldrausch. Das führt dazu, dass sich mit einem Mal viele Leute beteiligen, ohne sich mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben.

Meiner Meinung nach liegt da ein sehr großes Problem vergraben: Viele Backer (Investoren, die ein Projekt unterstützen) sehen in den Funding-Portalen einen Shop. Ein Shop für spannende, noch unveröffentlichte Produkte. Gut, auf die muss man dann vielleicht ein bisschen warten, aber das muss man bei Vorbestellungen ja auch.

Wenn eine Funding-Kampagne erfolgreich ist, wird damit ein Projekt finanziert. Der Investor ist dann auch genau das: Ein Investor. Er ist kein Kunde, und er kauft kein Produkt - egal, was auf der Webseite stehen mag. Das bedeutet, dass es durchaus passieren kann, dass ein erfolgreich finanziertes Projekt nie das Licht der Welt erblickt. Gründe dafür sind viele vorstellbar. Im besten Fall haben sich die Macher zu große Ziele gesteckt, die sie trotz allem nicht erreichen können. Vielleicht zerfällt aber auch das Team, ein Projektmitglied verunglückt oder es kommt zu teuren, technischen Pannen.

Was auch immer der Grund ist: Tatsache ist, dass dies geschehen wird. Projekte scheitern. Das ist schon fast ein Grundgesetz des Universums. Und die Portale können nicht die Eignung und Verwirklichungswahrscheinlichkeit der verschiedenen Projekte überprüfen. Das wird also zu einer Menge enttäuschter „Käufer“ führen, die ihrer Meinung nach ein Produkt gekauft haben. Und da wir ja das Internet haben, bleibt es auch nicht bei Enttäuschung! Das Ganze ist ein wunderbares Rezept für einen Shitstorm. Sollte das Projekt oder der Shitstorm nur groß genug sein, dann kommt das Ganze auch noch in die Mainstream-Presse - und dann haben wir den Salat.

Überwachung!

Falls das passiert, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Blase ganz schnell platzt. Nach der Technologie-Euphorie setzt dann oft der Crunch ein (siehe Hype Cycle): Desillusionierte Nutzer wenden sich von der Technologie ab. Crowdfunding wird deswegen nicht von der Landkarte verschwinden. Das Feld wird sich aber wahrscheinlich etwas ändern.

Das ehemals spannende, unbekannte Land wird sich auf einmal unsicher und gefährlich anfühlen. Schreie nach mehr Sicherheit, Überwachung und Reglementierung werden laut werden. Allesamt schöne Ideen, welche aber kontraproduktiv zur kreativen Schaffenskultur wirken können. Insbesondere, wenn es zu einer Überreaktion kommt. Ungewöhnlichere Projekte werden aber zweifellos erschwert.

Übervorsicht!

Und auch die Konsumenten werden dann vorsichtiger entscheiden. An sich ist das nichts Schlechtes, aber das wird vielen Projekten das Leben schwerer machen. Wie man schon an den aktuellen Projekten ablesen kann, neigen die Backer dazu die Projekte von Entwicklern mit einem gewissen Namen zu unterstützen.

Das ist ganz verständlich, schließlich machen Menschen mit denen Geschäfte, die sie kennen und denen sie vertrauen. Ein Team mit ein paar Erfolgen ist vertrauenswürdiger als ein völlig unbekanntes Team. Sollte es aber zu einem Crunch kommen, dann wird sich diese Neigung noch verstärken, was wiederum die Chancen für die kleinen Indies deutlich reduziert.

Über’s Ohr gehauen!

Solange die Backer aber noch jungfräulich naiv sind und es keine Überwachung gibt ist das Ganze auch ein wunderbarer Spielplatz für Betrüger. Alles was man braucht, um auf Kickstarter erfolgreich zu sein, ist eine Idee und eine Video, um die Besucher zu begeistern.

Darum erwarte ich auch noch einen großen Betrugsfall in der nahen Zukunft. Wenn man für ein fiktives Apple-Accessoire und ein schönes Video direkt 10 Millionen US Dollar bekommen kann, warum dann nicht das Geld einstecken und in die Karibik absetzen? Meine bisherige Prophezeiung ist, dass spätestens 2013 der erste größere Fall publik wird.

Jedenfalls war das meine Vorhersage. Wunderbarerweise hat sich das Internet aber schon selbst zur Wehr gesetzt. Dank sousveillance wurde bereits ein Betrugsprojekt durch Internetnutzer aufgedeckt. Das gibt mir Hoffnung. Trotzdem ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis einer clever genug ist und nicht rechtzeitig entdeckt wird.

The Ugly

Letztlich gibt es beim Crowdfunding auch Seiten, die einfach nur unschön sind. Über diese Themen könnte man sich wohl endlos streiten (was im Internet natürlich auch gemacht wird):

Qualität irrelevant?

Was der herkömmlichen Industrie sicherlich kräftig gegen den Strich geht, ist die Tatsache, dass man auf Kickstarter nichts können muss, solange man sich nur gut verkaufen kann. Wenn man sich die richtige Zielgruppe aussucht, kann man es sich sogar noch einfacher machen. Ein wunderbares Beispiel dafür ist der Ron Paul Game Kickstarter. Durch das Erreichen der Fangemeinde des Politikers Ron Paul konnte ein Spiel finanziert werden, das augenscheinlich nur eine sehr geringe Qualität hat.

Die Plattformen überprüfen - wie schon gesagt - nicht  die Qualität der Produkte oder die Eignung der Teams. Es ist also sicher keine schlechte Idee, sein Projekt auf ein populäres Thema aufzusatteln. So kann man von unbedarften, aber motivierten Fans Geld bekommen. Man kann sich jetzt natürlich auch fragen, ob das tatsächlich schlimm ist. Die Backer bekommen ja schließlich das, wofür sie bezahlt haben. Sie hätten das Projekt ja auch genauer anschauen können - aber nicht jeder hat genug Verständnis für das Medium. Und diejenigen, die Geld für ein in ihren Augen minderwertiges Produkt ausgegeben haben, werden sich so oder so betrogen fühlen.

Inhalt fragwürdig?

Die mangelnde Kontrolle der Crowdfunding-Anbieter führt auch dazu, dass Produkte Wirklichkeit werden können, die man durchaus als fragwürdig bezeichnen kann. Mein Beispiel dafür ist der Tentacle Bento Kickstarter, ein Kartenspiel in dem die Spieler ein Tentakelmonster spielen und Schulmädchen vergewaltigen müssen. Das Ganze natürlich noch in quietschbunter Comicgrafik.

Das Projekt ist mittlerweile von Kickstarter abgebrochen wurden -  und das, obwohl es sein Ziel übererfüllt hatte. Über den Inhalt und die Entscheidung von Kickstarter kann man sich jetzt streiten. War das Projekt geschmacklos? Oder ist die Tatsache, dass der Plattformbetreiber inhaltliche Entscheidungen - man könnte sogar sagen: Zensur - vornimmt, nicht problematischer, eine Entwicklung, die man bremsen sollte?

Das sind Fragen, mit denen wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen. Und diese sind alles andere als einfach zu beantworten.

Aber unabhängig davon, wohin sich all dies noch entwickelt: Das Finanzierungsmodell wird bleiben. Crowdfunding wird noch unzählige Projekte ermöglichen. Ganz zu schweigen von den nachhaltigen Veränderungen in der Art und Weise, wie kreative Produkte verwirklicht werden. Es bleibt also spannend.

Über den Autor

Martin Nerurkar hat es trotz seiner unbändigbaren Neigung, konstant Spiele zu bauen, irgendwie geschafft sein Architekturstudium abzuschließen - nur um dann in die Spielebranche zu wechseln. Wenn er nicht gerade spielt oder über Spiele nachdenkt, dann redet er viel zu gerne und viel zu viel darüber - egal ob mit einem Bier in der Kneipe oder mit Mikrofon auf einem Podium. Aktuell lebt er den Traum als selbstständiger Level- und Game-Designer mit Indie-Aspirationen und ist unter seinem Label Sharkbomb Game Design Services unterwegs. 

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Tags: crowdfunding Indie Games Indie Game Development Kickstarter

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